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Leseprobe "Die Beutefrau"

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Prolog

Im Jahr 785

Es regnete seit Tagen. Kein Licht drang durch die schmalen mit Öltuch und Holz abgedichteten Fenster. Der beißende Qualm der beiden Fackeln vermischte sich mit dem Rauch von der Feuerstelle in der Mitte des einzigen Raums. Wibbo war ungeachtet seines lahmen Beines auf das Holzdach des steinernen Gebäudes geklettert, um das Abzugsloch zu vergrößern. Doch seine Bemühungen hatten nichts gefruchtet.

„Der Regen macht die Luft zu schwer. Der Rauch kann nicht aufsteigen“, sagte er, als er ins Haus zurückkehrte.

„Wir sollten das Feuer löschen.“ 

Ein Schwall frischer kalter Luft drang mit ihm in den Raum.  „Laß die Tür offen“, bat Geva mit heiserer Stimme. Sie biß sich leicht auf die Zunge. Der Speichel, der die Augen der kleinen Kinder vor dem Rauch schützen sollte, wollte nicht mehr so recht fließen. Doch nicht vom Qualm allein war ihre Kehle ausgedorrt.

Geva hatte Angst. Wo blieb Widukind? Er hatte zugesichert, an diesem Tag frühzeitig von seiner Versammlung zurückzukehren, damit sie noch bei Tageslicht in ein anderes Versteck umziehen konnten. Im Wald werde es allmählich zu gefährlich, hatte er gesagt, die Reiter des Franken-Karls durchkämmten mittlerweile auch bisher weniger zugängliche Gebiete. Deshalb hatte Widukind am Fluß eine im Gebüsch versteckte Lehmhütte mit einem unterirdischen Fluchtgang bauen lassen.

„Warum ist Vater immer noch nicht zurück?“ fragte Gevas älteste Tochter Heilwig, die mit ein paar Zweigen das schwelende Feuer gänzlich zum Ersticken brachte. „Was sollen wir nur tun, wenn sie ihn gefaßt haben?“

Geva erschrak. Es reichte, wenn sie sich Sorgen machte; die Sippe durfte keinesfalls noch mehr beunruhigt werden.

„Er und Abbio werden sicher gleich kommen“, murmelte sie.

„Nein, das werden sie nicht“, erwiderte Widukinds Schwester Gerda düster und wühlte mit den Fingern in blutigen Klumpen herum, die vor ihr auf der Erde lagen. „Es ist etwas Fürchterliches geschehen. Die Eingeweide irren nicht.“

„Unsinn! Nichts ist geschehen, Gerda!“ gab Geva heftig zurück. „Dein Vogelflug hat dir auch Sonne für den heutigen Tag vorhergesagt. Hör auf mit den Omen zu spielen, wenn du sie nicht lesen kannst!“
„Und wenn es stimmt?“ fragte die elfjährige Heilwig mit aufgerissenen Augen. „Der Franken-Karl und seine Männer sind doch jetzt überall. Wenn ihnen nun Vater und Oheim Abbio in die Hände gefallen sind …“
„… werden sie mit ihnen das tun, was sie mit Tausenden der Unseren in Verden getan haben“, vollendete Wibbo ihren Satz. Er hatte sich wieder auf dem Lehmboden niedergelassen und sah, gegen die Steinwand gelehnt, mit düsterem Blick zur offenen Tür in den Wald hinaus. „Auch damals hat der Himmel geweint. So sehr, daß das Eisen am Leib von Karls Kriegern rostete. Und ich bin nur entkommen, weil so viele Tote auf mir lagen und man mich auch für tot hielt. So sehr wüteten die Franken, daß die Beeke tagelang vom Blut unserer armen Brüder rot blieb. Möge Saxnot diesen König vernichten, der so viel Leid über unseren Stamm gebracht hat!“

„Der Vater wird ihn vernichten!“ rief der neunjährige Wigbert mit glänzenden Augen. „Er hat unter dem Vollmond von Marklo geschworen, fürchterliche Rache zu nehmen – zusammen mit unseren Brüdern, den Engern, den Ostfalen und den Nordliudi!“

Der Greis, der auf einem Strohlager in der Ecke lag, hustete trocken. „Der Weltenbaum ist gefallen“, krächzte er düster. „Die Eresburg längst eingenommen. In unseren eigenen Reihen herrscht Verrat. Wie lange werden unsere Götter noch diesem einen fürchterlichen Rachegott der Christen trotzen können? Auch Widukind, der Wotansohn, wird sich ihm beugen müssen. Das Ende ist nah, raunen die Ahnen.“
„Du redest wirr, alter Mann“, bemerkte Geva. Sie schob ihre dreijährige Tochter Gerswind vom Schoß, stand auf, durchquerte den Raum und schüttete Wasser aus dem Krug in einen Becher, den sie dem Greis vorsichtig an die Lippen hielt. „Mein Mann wird siegen. Saxnot, Wotan und Donar werden ihn und uns schützen.“ Widukind, Widukind, laß uns nicht allein!

Während der Alte trank, stiegen Bilder eines kraftvollen Rituals in ihr auf. Ihr Bruder, König Siegfried von Dänemark, hatte es vor ihrer Abreise aus dem Nordland mit Widukind am Seeufer ausgeübt, und sie hatte es von einer verborgenen Stelle aus beobachtet. Von seinen Raben umflattert und seinen Wölfen begleitet, stieg damals Wotan, der Einäugige, aus dem Rauch der Opferstätte auf und malte mit seinem vielbesungenen Schwert Gungnir die Rune Thurisaz in den Sand. An seinem Finger blitzte Draupnir, der Zauberring. Als sich der Rauch und mit ihm der Gott verzogen hatte, spritzte an der Stelle, an der gerade noch ein Feuer gebrannt hatte, mit einem Mal eine Fontäne hoch. Der Strahl verwandelte die Rune, die Zerstörung und Neubeginn ankündigte, in die Rune Othala, das Zeichen für Heimat und Besitz. Geva hatte das heilsbringende Omen mit eigenen Augen gesehen und sich danach nicht mehr gesträubt, mit ihrer Familie ins heimatliche Sachsenland ihres Mannes zurückzukehren.

Widukind, der nach dreizehnjährigem Krieg gegen die Franken inzwischen von allen vier Sachsenstämmen als Kriegsherzog anerkannt wurde, konnte nicht länger von Dänemark aus den vereinten Kampf gegen Karl und seine Mannen führen. Und kurz vor Gerswinds Geburt gelang es ihm tatsächlich die Franken am Süntel empfindlich zu schlagen – ja, damals schien ihm die Gunst der Götter noch hold.

Doch dann geschah das Unglaubliche: Karl zog mit verlockenden Versprechen und wohl auch mit seinem unbarmherzigen neuen Gesetz Anführer der anderen Sachsenstämme auf seine Seite. Gerade, als Widukinds Stern am hellsten zu erstrahlen schien, lieferte der Sachsenadel die eigenen Bauernkrieger, die Widukind gefolgt waren, bei Verden dem Frankenkönig aus. Der ließ viertausendfünfhundert unbewaffnete Menschen gnadenlos abschlachten. Selbst unter den Christen sprach man nur flüsternd von dieser Metzelei, und die älteren von ihnen fühlten sich an das Blutgericht von Cannstatt erinnert, bei dem König Karls Oheim Karlmann sechsunddreißig Jahre zuvor den Aufstand der Alemannen niedergeschlagen hatte. Karlmann hatte danach dem weltlichen Leben entsagt und war ins Kloster gegangen. Das durfte man von seinem machthungrigen Neffen Karl allerdings nicht erwarten.

„Warum verraten uns unsere eigenen Brüder?“ hatte Geva damals entsetzt gerufen.

„Der Christenkönig lockt unsere Führer mit seinen Gesetzen“, war Widukinds Antwort gewesen. „Er macht aus freien Bauern unfreie, die ihren Herren gegenüber abgabepflichtig sind. Wenn sich unsere Edlinge Karl anschließen und sich mit diesem seltsamen Wasserritual zum Christengott bekennen, sind sie nur noch ihm und dem König verantwortlich und müssen sich den Beschlüssen des Thing nicht mehr unterwerfen. Wer die Götter und unsere Bräuche verrät, erhält von Karl mehr Macht und wird von ihm reich beschenkt. Solchen Leuten fällt es leichter als den Armen, dem neuen Gott den Zehnten ihres Einkommens zu entrichten! Nein, Geva, auf unsere sächsischen Edlinge können wir nicht mehr bauen.“

Die brauchen ihre Sippen auch nicht in einem steinernen Waldhaus zu verbergen und werden nicht mehr quer durchs Land gehetzt, dachte Geva jetzt. Vor sich selbst konnte sie nicht mehr leugnen, daß ihr Mann zum Flüchtling im eigenen Land geworden war, doch vor der Sippe durfte sie das nicht zugeben. Auch wenn sie sich schon längst ihre Gedanken über eine andere als heilsbringende Bedeutung der beiden Runen am Meeresstrand gemacht hatte. Damals hatte sie nur daran gedacht, daß Thurisaz den Weg für einen Neubeginn freimacht. Das Unglück, das diese Rune vorhersagt, Größenwahn, Machtmißbrauch und Selbstüberschätzung hatte sie auf den Frankenkönig bezogen. Jetzt dachte sie immer öfter daran, daß dieses Zeichen nicht nur mißgünstige Kräfte abwehrt, sondern auch gebrochenen Widerstand bedeutet und Othila, die andere Rune, Veränderungen überlieferter Gewohnheiten ankündigt. Angst schnürte ihr wieder die Kehle zu. In Kürze würde es dunkel werden, und dann war mit Widukinds Rückkehr an diesem Tag nicht mehr zu rechnen. Dann wartete eine weitere schlaflose Nacht voller Bangen auf sie.

„Er wird untergehen. Und wir mit ihm. Karl hat die Langobarden vernichtet. Wir sind die nächsten“, unkte der alte Mann.

Geva unterdrückte ihren inneren Aufruhr und setzte dem Kranken betont ruhig wieder den Becher an den Mund.

„Das Reden schwächt dich, alter Mann. Was haben wir mit den Langobarden zu schaffen! Niemand kennt sich in Wald, Heide und Sumpf so gut aus wie Widukind. Wer sonst ist schon auf den Gedanken gekommen, die Hufe der Pferde verkehrt herum zu beschlagen, um den Feind in die Irre zu führen! Die Franken mögen mehr Mannen, Waffen und Pferde haben, doch wir haben Widukind.“ Sie blickte auf.
„Wo ist Gerswind?“ fragte sie in die Runde.

„Weg“, nuschelte der fünfjährige Siegfried, nahm den Daumen aus dem Mund und deutete zur Tür.
Geva fuhr hoch und stürzte nach draußen. Man durfte Gerswind wirklich keinen Augenblick unbeaufsichtigt lassen! Sie nutzte jede Gelegenheit, durch den Wald zu streunen. Erst kürzlich war sie wieder ausgebrochen und zum Flußufer gelaufen, um Beeren von den Sträuchern zu pflücken. Als sie Hufgetrappel hörte, hatte sie sich nicht versteckt, wie ihr ständig eingebleut worden war, sondern war den Reitern entgegengerannt. Sie mußte unbedingt sehen, weshalb sie aus der Ferne so wunderschön glitzerten. „Glänzende Reiter sind gefährlich!“ schärfte ihr Widukind am Abend ein, als er die von Franken erbeutete Brünne in einer Ecke des Raums niederlegte. „Du darfst ihnen niemals nahe kommen, hast du verstanden?“ Gerswind hatte gefügig genickt und auf die Frage ihres Vaters, wie sie sich im Wald zu verhalten habe, gehorsam den ihr ständig vorgehaltenen Satz nachgeplappert: „Ich muß zu einem Teil von ihm werden, zu einem Strauch unter Sträuchern, einem Baum unter Bäumen.“ Inständig hoffte Geva, daß ihre Tochter endlich diese Lektion gelernt hatte. Sie, Geva, würde ihre Tochter schon unter den Sträuchern und Bäumen erkennen! Sehr weit konnte das Kind diesmal jedenfalls nicht gekommen sein. Der Regen hatte endlich ausgesetzt, und ein schmaler Sonnenstrahl stahl sich durchs Blattwerk auf den Schlammboden vor dem steinernen Waldhaus.

Doch die winzigen Spuren von Gerswinds nackten Füßchen verloren sich an einer bemoosten Stelle. „Heilwig und Wigbert!“ rief Geva ins Haus, „kommt sofort raus und helft mir eure Schwester suchen!“
                                  *
Widukind und sein Schwager Abbio bestiegen schweigend die Pferde, die sie am Eingang der Grotte festgebunden hatten. Wieder einmal hatte sich zur Versammlung eine weitaus geringere Zahl von Schwertgenossen als beim Mal zuvor eingestellt. Zwei Tage hatte das kleine Häuflein in der Grotte ausgeharrt, hoffend, daß die anderen sich nur verspätet haben mochten. Während sich die beiden Männer den Weg durch den Wald bahnten, hing jeder seinen eigenen düsteren Gedanken nach. Stundenlang fiel zwischen ihnen kein Wort.

„Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen“, brach Abbio endlich das Schweigen. „Wieder haben die Franken zwei große Gruppen der Unseren in eine fremde Gegend verbracht, wo sie ein neues Leben beginnen sollen. Von den vielen anderen wissen wir nicht, was ihnen geschehen ist. Ob sie tot, aufgegriffen oder zum Feind übergelaufen sind. Dieses Gesetz gegen uns Sachsen hat Schrecken in alle Herzen gesät …“

„Still!“ Widukind zügelte seinen Rappen. „Riechst du den Rauch?“

Abbio hielt inne und nickte beunruhigt. „Die Feuerstelle …“, sagte er tonlos, doch beide Männer wußten, daß sie aus dieser Entfernung den Rauch des Kochfeuers nicht hätten wahrnehmen dürfen. Und beide trieben sofort die Pferde an. Widukind, der König der List, der Meister der Behutsamkeit und Umsicht, dachte keinen Augenblick an die Gefahr, die auf ihn lauern könnte, sondern nur daran, daß er nicht zu spät kommen durfte, um die Seinen zu retten.

Der Anblick, der sich ihnen bot, ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren. Dichte Rauchschwaden stiegen aus dem Steinhaus empor, aus den schmalen Fenstern loderten Flammen, und glühende Holzbalken fielen krachend ins Innere. Vor dem Gebäude lag Abbios Sohn Siegfried mit eingeschlagenem Kopf, und durch die offene Tür waren auf dem Boden des Hauses im Flammenschein Schemen regloser Körper zu erkennen. Abbio stieß einen Schrei aus, sprang vom Pferd, warf die Regentonne um, daß sich ihr Inhalt in den Eingang ergoß und wollte ins Haus stürzen. Nur mit Mühe konnte ihn Widukind zurückhalten.
„Denen dort drinnen können wir nicht mehr helfen!“ brüllte er, „es bleibt nur die Rache! Die Mörder können nicht weit sein.“ Er griff an den Gürtel, wo neben der Wurfaxt und dem Messer der Langsax baumelte.
Abbio starrte ihn entgeistert an, entwand sich Widukinds Griff und ließ sich zu Boden sinken. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

„Nein, nein, nein …“, murmelte er, „es ist vorbei, Widukind, es ist vorbei.“ Mühsam richtete er sich wieder auf. Tränen strömten über sein Gesicht, und diesmal hielt ihn Widukind nicht auf, als er das verqualmte Waldhaus betrat. Noch am Abend bauten sie hinter dem Haus einen großen Scheiterhaufen und überantworteten die bereits halbverkohlten Leichen endgültig dem Feuer.

„Friede ihrer Asche“, murmelte Widukind und dachte kurz daran, daß er nach Karls neuem Gesetz schon deswegen als todgeweiht galt, weil er die Seinen nach altem Ritus verbrannte. Vierzehn Menschen waren in der Waldhütte umgebracht worden, darunter Gerda, Abbios Frau und Widukinds Schwester, sowie deren Sohn Siegfried. Auch der lahme Wibbo, dessen Großvater, zwei weitere Basen und zwei Kleinkinder, die das Sprechen noch nicht erlernt hatten sowie zwei zwölfjährige Knaben, die gerade das Mannbarkeitsalter erreicht hatten. Von Geva, Heilwig, Wigbert und Gerswind aber fehlte jede Spur.

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